Was kompensieren die Kompensationsprüfungen?

Baustellenkennzeichnungen
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Sie stehen an. Die Kompensationsprüfungen der Zentralmatura. Was früher noch „Zusatz“ hieß, ist nun die Kompensationsprüfung. Für alle Schüler/-innen, die im Zuge der Zentralmatura negativ beurteilt wurden, geht es jetzt um die Korrektur ihrer Note. Dieses Jahr dürften signifikant mehr Schüler/-innen in Mathematik betroffen sein. Aber was genau wird hier eigentlich kompensiert?

Kompensation in Mathematik notwendig!

Heuer wurden besonders viele Maturant/-innen beim schriftlichen Teil in Mathematik negativ beurteilt. Bis zu 30% sollen es sein. Nach Informationen, die der Innovationsschule vorliegen, erzielten jene Schulklassen besonders schlechte Noten, die ihren Fokus nicht auf das Themengebiet der Statistik gelegt haben. Auch dürften jene Schulen strukturell bevorteilt gewesen sein, die auf den Einsatz eines klassischen Taschenrechners - im Gegensatz zum Notebook oder Tablet - setzten. Auch wenn ich meine eigene Schulbiographie durchforste, stelle ich fest, dass die Statistik im besten Falle eine prominente Nebenrolle in der Oberstufe AHS spielte. Ich gehe mit der Einschätzung jener konform, welche die Zentralmatura verfassten: Statistik sollte eine größere Rolle spielen, denn im Alltag ist sie wichtig. Aber wenn 30% der Maturant/-innen negativ beurteilt werden, dürfte einiges schief liegen.

Was genau wird zentralisiert?

Es dürfte hingehend bekannt geworden sein, dass ich nicht der größte Fan der Zentralmatura in ihrer aktuellen Ausgestaltung bin. Zwar erkenne ich den Bedarf eines gemeinsamen Mindestniveaus, das bei Absolvent/-innen vorausgesetzt werden soll, bezweifle aber, dass sich die Abschlussprüfung einer Schullaufbahn wirklich dafür eignet. Mit anderen Worten: Es gibt standardisierte Lehrpläne, die in jeder Schule eingehalten werden sollten. Sie sollen garantieren, dass den Schüler/-innen Ähnliches beigebracht wird. Die Matura war hingegen immer eine Art der Individualisierung:

Zu den Pflichtfächern, die abgedeckt werden mussten, kam ein Set individueller Fächer in schriftlicher oder mündlicher Form hinzu, welche die Interessen und Stärken der Schülerin oder des Schülers abbildeten. Sehr oft war diese individuelle Wahl von den unterrichtenden Lehrkräften geprägt, denn sie haben das Interesse geweckt. Nun besteht diese Wahl zwar noch, aber die Fragenerstellung funktioniert zentral gesteuert. Die Zentralisierung findet also bei der Fragenerstellung statt! Die Fragen der Zentralmatura sollen wiedergeben, was die Lehrkraft in den vergangenen Jahren unterrichtet hat. Funktioniert das?

Kompensation wofür?

Die Kompensationsprüfungen der Maturant/-innen im Falle einer negativen Beurteilung der schriftlichen Arbeit stehen vor der Tür. Die beste Note, die dabei erzielt werden kann ist ein „Befriedigend“. Die Prüflinge werden diese Hürde mit einer intensiven und gezielten Vorbereitung meistern, aber lästig ist diese Prüfung dennoch, zumal sie die Aufmerksamkeit für die Vorbereitung auf den mündlichen Teil reduzieren. Dieses Jahr dürften viele Schüler/-innen die Diskrepanz zwischen ihren Lehrer/-innen und den Ersteller/-innen der Zentralmatura kompensieren - weniger ihre eigenen Defizite.

Fazit: Die Schwächen werden aufgezeigt, aber nicht nur jene der Schüler/-innen!

Ein Ziel der Zentralmatura wurde jedenfalls erreicht: Es wurden Schwächen aufgezeigt. Aber nicht notwendigerweise Schwächen der jeweiligen Maturant/-innen, sondern Schwächen des österreichischen Bildungssystems. Es wurde gezeigt, dass die Einhaltung standardisierter Lehrpläne nicht wirklich gut funktioniert. Vielleicht sind die Lehrpläne überladen und bedürfen einer Reform. Vielleicht ist die zentralisierte Reifeprüfung eine weitere Baustelle, der sich die neue Bildungsministerin widmen muss …

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