Respektvoller Umgang in der Diskussion

SchülerInnen diskutieren
Quelle: https://static.pexels.com/photos/7096/people-woman-coffee-meeting.jpg 12.06.2017

Gestern führte ich eine kurze Diskussion über Google+ mit einem Engländer aus dem Brexit-Lager über den Wahlausgang der von Theresa May vorgezogenen Parlamentswahlen. Dazu habe ich einen englischen Artikel verfasst, der als Grundlage zur Diskussion dienen soll. Während jeder Diskussion im Netz versuche ich, wertschätzend mit meinem Gegenüber umzugehen. Das gelingt mal besser, mal weniger gut. Gerade heutzutage scheint der respektvolle Umgang miteinander eine fast vergessene Kunst geworden zu sein.

Respekt als Ausdruck der Wertschätzung

Diskutiere ich mit jemandem, versuche ich, auf den Standpunkt des Gegenübers einzugehen. Für einen kurzen Moment muss ich mich auf ein mir nicht bekanntes Denkmuster einlassen und die dargelegten Argumente nachvollziehen. Dazu gehört auch, dass man die/den Anderen aussprechen lässt, damit der Gedanke zu Ende geführt werden kann. Wenn ich am Wort bin, erwarte ich dasselbe. Gestern gelang das meinem Gegenüber und mir recht gut.

Niemand möchte missverstanden werden und daher ihre/seine Botschaft klar kommunizieren. Wenn ein Gedanke gefasst wird, möchte man ihn auch ausführen können. In einer politischen Diskussion ist das schwerer, zumal zwischen einem Argument und einer unreflektierten Aussage unterschieden werden muss. Das Argument hat eine nachvollziehbare Begründung, ist nicht auf Stereotypen aufgebaut und lässt Spielraum für etwaige Zweifel.

Wenn politisch diskutiert wird

Über wenig lässt sich so gut diskutieren, wie über Politik. Dass Menschen politikverdrossen sein sollen, kann ich nicht nachvollziehen. Denn egal, ob man am vielzitierten Stammtisch, in der Familie, unter Freunden oder unter ArbeitskollegInnen diskutiert, fast immer geht es um politische Inhalte. Sehr oft wird es dabei emotional. Und während wir uns von Angesicht zu Angesicht mit beleidigenden Aussagen zurückhalten können, fallen diese Barrieren im Netz schneller.

Wenn Jugendliche miteinander diskutieren, wird der Ton oft beleidigend. Da geht es gar nicht um politische Inhalte, sondern um die Figur, schulische oder sportliche Unzulänglichkeiten, Mobbing, weil man nicht das neueste Smartphone hat, und sozioökonomische Schieflagen. Die Fähigkeit, auf Augenhöhe zu diskutieren, rückt dabei in den Hintergrund.

„Vorbild“ PolitikerInnen

Während einer Diskussion zwischen mehreren PolitikerInnen können die ZuseherInnen auch nicht lernen, wie gesund und fair miteinander diskutiert wird. Die Diskutanten fallen einander ins Wort, machen das Gegenüber lächerlich, sind nicht lernfähig und rücken von ihrem Standpunkt keinesfalls ab. Die Arena einer politischen Diskussion erinnert eher an einen Kampf zwischen Gladiatoren. Eine/r soll nach Möglichkeit verlieren und die ZuseherInnen werden unterhalten. Ein Austausch auf Augenhöhe findet in einer Diskussion zwischen PolitikerInnen nicht statt. Wer lauter und untergriffiger diskutiert, gewinnt. Um Inhalte geht es längst nicht mehr.

In diesem Klima müssen junge Menschen ihren Diskussionsstil finden. Hier lernen sie am besten, wie man Anderen ins Wort fällt, über sie öffentlich lacht und untergriffig agiert. Wundern wir uns nachher im Ernst darüber, welche Methoden Mobbing heute unter den SchülerInnen hat. Manchmal haben PolitikerInnen eben eine Vorbildwirkung derer sie sich nicht bewusst sind. 

Diskussion als Unterrichtsprinzip?

Im Jahr 2010 und 2011 war ich bei der Konzeption des Projekts YASP (Young Austrian Science Parliament) involviert. Unser Ansatz war damals, naturwissenschaftliche Inhalte in Form einer Debatte den SchülerInnen näherzubringen. In Gruppen wurden verschiedene Aspekte zu einem Thema erarbeitet, um danach in einer parlamentarischen Debatte diskutiert zu werden. Die Ergebnisse waren erstaunlich. Zum Einen konnten die SchülerInnen für trockene Themen begeistert werden und die Inhalte wurden länger behalten.

Schulmädchen
Quere_ https://pixabay.com/de/schüler-schule-lernen-bildung-411947/ 13.06.2017

Zum Anderen konnte eine konstruktive Gesprächskultur beobachtet werden. Die SchülerInnen lernten schnell, den Fokus auf die Inhalte zu legen und die Sachlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Damit zeigt sich für mich einerseits, dass die Fähigkeit zur Diskussion und zur Wertschätzung des Gegenübers bereits früh in der Schule gelernt werden sollte. Andererseits kann eine konstruktive Diskussionskultur am effektivsten mit apolitischen Inhalten vermittelt werden.

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