Gesellschaft und Integration verstehen?

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Quelle: https://www.pexels.com 19.07.2017

Wie oft höre ich, bestimmte Menschen würden nicht in unsere Gesellschaft passen? Da wäre eine andere Kultur dahinter und es würden andere Glaubenssätze gelten. Oft wird der Islam als der primäre Hinderungsgrund für eine gelungene Integration gesehen. Mir war das stets zu wenig. Demnach sollte ein religiöses Schriftstück wie der Koran oder die Bibel die Unvereinbarkeit mit der jeweiligen Gesellschaft bestimmen. Vor einigen Tagen bin ich wieder über ein Werk eines Gesellschaftstheoretikers aus meiner Studienzeit gestolpert.

Gesellschaft definieren

Der Gesellschaftstheoretiker, den ich meine, ist Niklas Luhmann. Das Werk, das mich bereits während der Studienzeit fasziniert und zum Nachdenken gebracht hat, ist „Die Gesellschaft der Gesellschaft“. Darin werden unterschiedliche Gesellschaftsstrukturen beschrieben, die auf die soziale Interaktion der in ihr lebenden Menschen einen entscheidenden Einfluss haben.

Es wird eine Gesellschaftsentwicklung von der segmentären Gesellschaft, über Chiefdom-Societies, feudalen Strukturen, in welchen die Religion eine entscheidende Rolle zur Rechtfertigung der Macht spielt, bis hin zu der heute verbreiteten funktional differenzierten Gesellschaft gezeichnet. Die Rolle des Staates als übergeordnete Instanz ist in diesen Strukturen verschieden und unterliegt ebenso einer Entwicklung.

In der Urform der segmentären Gesellschaft stehen familiäre Strukturen und das Matriarchat im Vordergrund. Die Chiefdom-Society, in ihren Grundzügen noch immer segmentär, als nächste Stufe ist vom Patriarchat und von einer Urform der ordnenden Struktur geprägt. Die nächste Stufe wäre die feudale Gesellschaftsstruktur mit einem (meist männlichen) Herrscher und zuarbeitenden Untertanen. Erst mit dem aufkommenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts wurden diese Strukturen effektiv gebrochen und der Staat (Demokratie oder nicht) wurde zur zentralen Funktionseinheit einer Gesellschaft. Danach fand die funktionale Differenzierung statt.

Die Entwicklung im Staat

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Quelle: https://static.pexels.com/photos/394377/pexels-photo-394377.jpeg 27.07.2017

Der Staat als Integrationssymbol durchlief dabei mehrere, teils völlig konträre, Entwicklungen. Monarchie (light), Klassendenken, Faschismus, Parlamentarismus, Industriegesellschaft, Dienstleistungsgesellschaft, Informationsgesellschaft und viele mehr. Die verschiedenen Ausformen sind dabei für die Argumentationsfolge nicht so entscheidend, wie die Tatsache, dass das Fehlen einer übergeordneten Struktur als Anarchie bezeichnet wird.

Das bedeutet, dass bis zum Aufkommen des Nationalstaats - in Ansätzen war das bereits im Feudalsystem zu erkennen - die übergeordnete Struktur, außerhalb der segmentären Funktionseinheiten einer Gesellschaft, nicht vorhanden war. Ob eine staatliche Struktur respektiert wird, hängt daher nach Luhmann vom Stadium der Entwicklung einer Gesellschaft ab. Je „weiter“ (über diesen Begriff muss diskutiert werden) eine Gesellschaft ist, desto leichter gelingt die Anerkennung der ordnenden Struktur.

Fehler in der Integrationsdebatte?

Manche EinwanderInnen kommen aus Gesellschaftsstrukturen, die den Staat (noch) nicht als übergeordnete Instanz wahrnehmen. Ihre funktionale Differenzierung, in der jedes Mitglied einer Gesellschaft eine Rolle übernimmt, ist noch nicht ausgeprägt. Auf der Suche nach einer ordnenden Struktur treten oft religiöse Erklärungsmuster auf den Plan. Ihre Glaubenssätze werden mit staatlichen Gesetzen gleichgestellt. Aber das geschieht nicht primär aus einem religiösen Fanatismus - dazu werden die Menschen erst später verführt - sondern aus der fehlenden Ordnung, die über die segmentäre Funktionseinheit (meist Familie) hinausgeht.

Fehler in der Integration
Quelle: https://pixabay.com/de/integration-burnout-denken-future-2141187/ 27.07.2017

In der Integrationsdebatte diskutieren wir demnach über die Wirkung (Religion) und nicht die Ursache (fehlende Struktur). Ob die Integration erfolgreich ist, hängt von der Anerkennung der staatlichen Struktur als Selbstverständlichkeit ab. Wir sprechen in Österreich von Werte-Kursen, meinen aber oft die Brauchtum-Vermittlung. Wir kritisieren die Religion als störend, erkennen aber nicht, dass „unsere“ Kirche ebenso in einem Konflikt mit dem Staat steht. Denn wenn Gott die übergeordneten Gesetze formuliert, sehe ich wenige Unterschiede zum fanatischen Islam, gleichwohl die Kirche einen Weg gefunden hat, sich ins Staatssystem zu integrieren.

Kritik an Luhmann

Obwohl ich die gesellschaftstheoretischen Erklärungsmuster als sehr interessant empfinde, sollte ich festhalten, dass ich den Entwicklungsbegriff in einer Gesellschaft für problematisch erachte. Dieser würde bedeuten, dass nur von einer höheren Stufe aus die vorangegangene Entwicklung beleuchtet werden kann. Luhmann muss sich selbst der bisher entwickeltsten Gesellschaftsform angehörig fühlen. Weiters wurde 2007 bekannt, dass er ein Parteimitglied der NSDAP war. Doch inwieweit diese Mitgliedschaft im Zuge der Sammelmeldungen der HJ-Jahrgänge 1926/27 überhaupt eine Aussagekraft hat, ist nicht geklärt.

Integration anders denken

Interessant finde ich, dass die Integrationsdebatte um eine bisher vernachlässigte Facette reicher wird. Denn plötzlich sind nicht die kulturellen und religiösen Argumente entscheidend, sondern die Art der Gesellschaft, aus der man kommt. Jetzt werden KritikerInnen anführen, dass diese Gesellschaften ja von einer bestimmten Kultur, einem Glauben und entsprechenden Gepflogenheiten geprägt sind. Doch die Kultur und die Gepflogenheiten definieren die Gesellschaftsformen nicht, sie sind lediglich ein Ausdruck dieser.

Arbeiter auf Dach in schwarz-weiß
Quelle: https://static.pexels.com/photos/38293/workers-construction-site-hardhats-38293.jpeg 27.07.2017

Den Staat als übergeordnete Instanz anzuerkennen ist ein Prozess, der nicht in einem mehrwöchigen Werte-Kurs vermittelt werden kann. Vielleicht ist es sogar ein nie endender Prozess, der lediglich voraussetzt, hier reüssieren zu wollen. Je früher die zuwandernden Menschen in den Arbeitsprozess integriert werden können, desto leichter fällt es ihnen, Werte zu übernehmen, die in unserer Gesellschaft den persönlichen Erfolg versprechen …

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