Die Geburt des Klassenraums der Zukunft

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Quelle: https://static.pexels.com/photos/316465/pexels-photo-316465.jpeg 08.07.2017

Es war im Jänner 2011 in Bristol, England. Ich aß mit ein paar meiner internationalen KollegInnen zu Abend. Was während unseres Essens besprochen wurde, markierte einen Paradigmenwechsel der europäischen Bildungspolitik. Zu diesem Zeitpunkt war uns das nicht bewusst und mir, damals noch relativ neu auf der internationalen Bühne, erst recht nicht. Nach diesem Abend sollte alles anders werden.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Wenn Hermann Hesse schreibt, dass in jedem Anfang ein Zauber innewohnt, kann ich das nur unterschreiben. Die einzige Frage ist, ob wir uns dieses Anfangs bewusst sind. Im Spätsommer 2010 startete das EU-geförderte Projekt iTEC (Innovative Technologies for an Engaging Classroom). Sein Ansatz war in der Förderlandschaft europäischer Bildungsprojekte neu.

Bis zu diesem Zeitpunkt wurde mehr oder weniger brauchbarer Content entwickelt und mit den zur Verfügung stehenden, technischen Hilfsmitteln sollte dieser den Weg in den Klassenraum finden. Das klang zwar in der Theorie gut, doch scheiterte dieses Vorhaben am Fehlen der entsprechenden Infrastruktur in der Praxis und an der fehlenden Ausbildung der Lehrkräfte, die angesprochenen Hilfsmittel erfolgreich zu integrieren.

Das EU-Projekt iTEC hatte den umgekehrten Ansatz. Es sollten Lerngeschichten und pädagogische Szenarien entwickelt werden, die unabhängig der zur Verfügung stehenden Infrastruktur funktionieren. Theoretisch dürfte es keinen Unterschied machen, ob eine Lehrkraft neue Medien regelmäßig oder nur sporadisch einsetzt. Die SchülerInnen wurden das Zentrum der pädagogischen Interaktion und der SchülerInnen-zentrierte Ansatz zur Grundbedingung.

Die Ergebnisse ließen es erahnen

Tablet mit Graphik
Quelle: https://static.pexels.com/photos/187041/pexels-photo-187041.jpeg 08.07.2017

Ich war damals für die Evaluierung der Tests in österreichischen Schulen zuständig und war ob der Produktivität dieser pädagogischen Interaktion begeistert. In den allermeisten Fällen war der SchülerInnen-zentrierte Ansatz viel wirkungsvoller als von allen Beteiligten zuvor angenommen. Der Stoff konnte länger „abgerufen“ werden und die gestellten Projektaufgaben wurden von den SchülerInnen-Gruppen übererfüllt.

Als sich die pädagogischen LeiterInnen der nationalen Evaluation jedes teilnehmenden Landes in Bristol trafen, sollten neue Lern-Szenarien für den Unterricht entwickelt werden. In zwei Tagen wurden einige Konzepte erstellt und verfeinert. Am Abend des ersten Tages entstand eine Idee.

Der Klassenraum der Zukunft war geboren

Wer geschäftlich viel international unterwegs ist, kennt das. Auch wenn man mit seinen KollegInnen zu Abend isst und offiziell entspannen möchte, die Gedanken kreisen um die Arbeit, denn man spürt, dass etwas entstehen kann. So haben wir noch am Abend nach Wegen gesucht, die entwickelten Konzepte zu verfeinern und ihre pädagogische Wirkung zu erhöhen. Plötzlich meinte einer von uns, dass wir an die Grenze des Machbaren stoßen würden, solange wir räumlich nichts verändern könnten.

Nur als hypothetisches Szenario gingen wir von einer in der Raumgestaltung flexiblen Umgebung aus. Einzelne Arbeitsschritte könnten besser erledigt werden, wenn Bereiche ihre eindeutige pädagogische Zuordnung hätten. In einem Bereich würden die SchülerInnen forschen, in einem anderen präsentieren, im nächsten Interagieren und in einem Bereich sogar einen Rückzugsort zum individuellen Arbeiten vorfinden.

Skizze des FCLs in Brüssel
Quelle: http://fcl.eun.org 08.07.2017

Mit uns am Tisch saß eine Vertreterin des European Schoolnets (eun.org). Ihr dürfte unsere Idee gefallen haben. Im Projekt iTEC könnte so etwas nie umgesetzt werden, zumal der Ablauf, wie das bei allen EU-Projekten üblich ist, schon zu Projektbeginn festgelegt war. Rund zehn Monate später ereilte mich ein Email mit den ersten Bildern vom Future Classroom Lab (fcl.eun.org). Es war der Herbst des Jahres 2011.

Inspiration statt Blaupause

In Bristol war unsere Idee damals, die Kreativität der LehrerInnen anzuregen. Mit den baulichen Veränderungen in der Lernumgebung sollten sie sich vorstellen, wie ihre Schulstunde aussehen könnte. Wenn anschließend davon kleine Elemente in den Unterrichtsalltag mitgenommen werden konnten, war das Ziel erreicht. Denn als der Klassenraum der Zukunft im European Schoolnet in Brüssel aufgebaut wurde, war klar, dass die meisten Schulen nicht die Mittel hätten, ihn in einer ähnlichen Form zu kopieren.

Verschiedene Effekte konnten wir nachher beobachten: Erstens, wurden die LehrerInnen, die zu Workshops ins European Schoolnet eingeladen waren, inspiriert. Zweitens wurde deutlich, dass die Technologie im pädagogischen Prozess beinahe unsichtbar sein kann, obwohl gerade das FCL vollgespickt mit technischen Hilfsmitteln ist. Drittens, der SchülerInnen-zentrierte Ansatz funktioniert in der Praxis am besten in projektorientierten Unterrichtsformen und mit SchülerInnen, denen eine verantwortungsvolle Rolle im pädagogischen Prozess zukommt.

Die Konzepte sind längst bekannt

Megaphone
Quelle: https://pixabay.com/de/megaphon-lautes-hailer-flüstertüte-1381104/ 08.07.2017

Ich erzähle das deshalb, weil wir in Österreich immer wieder so tun, als müsse man das Rad neu erfinden oder neue pädagogische Ansätze (mittlerweile sind sie nicht mehr so neu) testen. Das Future Classroom Lab ist nicht nur ein physischer Ort der Inspiration, gleichzeitig stehen auch unzählige Lern-Szenarien fertig entwickelt über die jeweiligen Homepages (itec.eun.org, fcl.eun.org) zur Verfügung. In Österreich hat der ewige und von Ideologie angetriebene Streit zwischen den ehemaligen Großparteien dazu geführt, dass nie eine fundierte Auseinandersetzung mit der Pädagogik stattgefunden hat. Die Lösung war, mehr Autonomie in Österreichs Schulen zu bringen (Stichwort Autonomiepaket) und, der Theorie nach, den Direktionen mehr Richtungskompetenz zu geben. Es liegt am Standort selbst, innovative Konzepte umzusetzen …

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