Vision einer neuen Schule II - Eigenverantwortung

1+1=2, ABC
Quelle: https://pixabay.com/de/schulanfang-abc-einschulung-2629361/ 06.12.2017

Ist das übergeordnete Ziel der Bildung nicht, dass die SchülerInnen eigenverantwortlich ihren Lernerfolg bestimmen? Gerade in Hinblick auf das lebenslange Lernen spielt die Eigenverantwortung eine zentrale Rolle. Im zweiten Artikel meiner Serie „Vision einer neuen Schule“ greife ich auf ein bestehendes Konzept aus Deutschland zurück, das die SchülerInnen schrittweise an die eigenverantwortliche Lerngestaltung heranführt. Der Schulalltag würde sich damit evident ändern.

Wir beginnen mit Input & Feedback

Zu Beginn jeder Lerneinheit gibt die Lehrkraft einer Gruppe von ca. 12 SchülerInnen individuellen Input über die erbrachten Leistungen und formuliert die Tagesaufgabe. Dieser Vorgang sollte nicht länger als 15 Minuten dauern. Bei 12 SchülerInnen bedeutet das einen individuellen Input von etwas über einer Minute. Eine Viertelstunde ist auch jene Zeit, in der die Konzentrationsspanne am höchsten ist. Daher ist die Länge dieser Phase funktional begrenzt.

Die Planung des Lernfortschritts

Mit dem erhaltenen Input gehen die SchülerInnen in einen eigenen Arbeitsbereich, in dem jedem/r SchülerIn ein Schreibtisch zur Verfügung steht. Der aktuelle Wissensstand zur gestellten Aufgabe wird um Strategien der Erweiterung des Wissens angereichert. Das kann eine eingehende Recherche mit verschiedenen Medien, die Kollaboration mit den MitschülerInnen, eine Feedbackschleife der Lehrkraft oder verschiedene Experimente umfassen. Wichtig ist, das jede Schülerin und jeder Schüler den Lernerfolg eigenständig plant. Sind die Kinder noch etwas jünger, ist dieser Vorgang fremdstrukturierter. Doch das übergeordnete Ziel ist, dass jede/r diesen Prozess selbst planen kann.

Die Raumaufteilung

Splitting
Quelle: https://pixabay.com/de/analytik-computer-mieten-datenbank-2697949/ 06.12.2017

Ideal wäre es, wenn für die jeweiligen pädagogischen Prozesse eigene Lernbereiche zur Verfügung stünden. So könnte ein eigener Bereich zum selbstständigen Arbeiten, zur Kollaboration mit den MitschülerInnen (dieser Bereich wird etwas lauter sein; Anm.), zum Rückzug und für das Feedback mit der Lehrkraft geschaffen werden. Dieser Aspekt ist vom Standpunkt der Ausstattung her der kostenintensivste. Entscheidend ist auch hier, dass der pädagogische Prozess räumlich aufgeteilt wird, um eine Effizienzsteigerung zu erzielen. Beinahe alle Konzepte zur Reformierung der Lernumgebung setzen ein Splitting der Prozesse voraus.

Was und wie wird bewertet?

Es muss vorweggeschickt werden, dass die Lehrkräfte die aktuellen Lehrpläne für die eigenen Fächer „umdrehen“. Nicht die Wissensvermittlung, sondern die zu erwerbenden Kompetenzen stehen im Vordergrund. Das Faktenwissen soll hierbei „nur“ als Mittel der Kompetenzvermittlung dienen. Das ist mit einem deutlichen Mehraufwand für die Lehrkräfte gerade zu Beginn einer Lernphase verbunden. In einem zweiten Schritt wird der zu vermittelnde Stoff in Themengebiete gegliedert, die in 4-Wochen-Sequenzen erarbeitet werden sollen. Hierbei spielen das eigenverantwortliche Lernen und die Kollaboration unter den SchülerInnen eine zentrale Rolle.

Auch die Bewertung der SchülerInnen wird grundsätzlich anders gestaltet. Sie ist in drei Phasen aufgeteilt, die unterschiedliche Aspekte bewerten soll. Am Ende jedes Tages gibt es eine Evaluierung, um den Tagesfortschritt zu messen. Die Frage ist, in wiefern die Aufgabenstellung des Tages erfüllt wurde. Üblicherweise ist ein kleines Quiz, ein Kahoot oder die Abfrage über ein Response-System hier sehr wirkungsvoll. Alle zwei Wochen findet eine Überprüfung der Kompetenzen statt. Hier sollen die neuen Fähigkeiten auf andere Gebiete angewandt werden. Am Ende jedes Themenzyklus, üblicherweise nach vier Wochen, findet eine Überprüfung des Wissens statt.

Bereits erprobt

Tafel, auf der "Test" steht
Quelle: https://pixabay.com/de/tafel-schule-uni-lernen-arbeit-361516/ 06.12.2017

All jenen, die meinen, ein derartiges System ist zu aufwändig und in der Durchführung unrealistisch, sei gesagt, dass die Freie-Schule-Anne-Sophie in Künzelsau bei Stuttgart und in Berlin mit diesem System sehr erfolgreich funktioniert. Dabei wurde festgestellt, dass das pädagogische Konzept des eigenverantwortlichen Lernens zu 100 Prozent bei jenen funktioniert, die bereits in der Primarstufe mit diesem Konzept gelernt haben, zu arbeiten (begonnen wird bereits mit 5 bzw. 6 Jahren; Anm.). Jene SchülerInnen, die erst später auf diesen Schultypus umgestiegen sind, haben nur in 20 Prozent der Fälle schwere Probleme, die zu einem erneuten Schulwechsel in ein traditionelles System führen. Als ich diese Schule besucht und diese Zahlen gehört habe, wurde mir wieder klar, warum ein Schnitt im Alter von 10 Jahren, wie bei uns, pädagogisch sinnbefreit ist …

Im nächsten Artikel möchte auf die drei Stufen der Eigenverantwortlichkeit des Lernerfolgs eingehen!

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