Die Selektion geht weiter

kleines Mädchen schreibt
Quelle: https://www.pexels.com/photo/close-up-of-woman-working-256468/ 28.12.2017

Kinder möglichst früh zu selektionieren, steht in einem evidenten Widerspruch zu einer erfolgreichen Bildungspolitik. Eine Passage des aktuellen Regierungsprogramms zur Bildungspolitik irritiert mich. Man wolle die Sonderschulen erhalten und ausbauen. Aber steht dieses Vorhaben nicht in einem diametralen Gegensatz zur UN-Behindertenkonvention?

Aus den Augen, aus dem Sinn

Dass ich diese Maßnahme problematisch sehe, dürfte nicht überraschen. In einem EU-geförderten Projekt hatte ich über zwei Jahre hinweg das Privileg, verschiedene sonderpädagogische Einrichtungen in Europa zu besuchen. Meistens waren sie in eine „normale“ Regelschule eingegliedert. Alle Beteiligten hatten das Ziel, in Zukunft immer weniger Sonderklassen zu installieren.

Auf meine Rückfrage, warum das nicht bereits jetzt gängige Praxis wäre, wurde mir in den meisten Fällen geantwortet, dass man sich diesem Idealzustand schrittweise annähert, um die Pädagoginnen und Pädagogen nicht zu überfordern. Wenn Konzepte wie das Team-Teaching bereits umgesetzt waren, funktionierte dieser Prozess erheblich schneller.

Schatten verdeckt Auge einer Frau
Quelle: https://www.pexels.com/photo/black-and-white-dark-girl-eye-37315/ 28.12.2017

Auf die Frage, warum es in manchen Ländern noch immer Sonderschulen (Österreich ist eines davon; Anm.) gäbe, wurde von den verantwortlichen DirektorInnen entgegnet, dass offenbar vielerorts noch immer die Kultur des „Wegsperrens“ herrscht. Man behandle SchülerInnen mit sonderpädagogischen Bedürfnissen offenbar wie Kranke, vor denen die anderen SchülerInnen geschützt werden müssten. Aber einen Teil der SchülerInnen fernzuhalten ist keinesfalls fortschrittlich und jedenfalls diskriminierend.

Trennung ist keine Lösung

Das Leben sieht in der Realität anders aus. Es gibt Menschen mit sprachlichen Defiziten, mathematischen Herausforderungen, unterschiedlichen Hautfarben und körperlichen bzw. geistigen Beeinträchtigungen. Sonderschulen tragen nur dazu bei, dass Menschen verstohlen wegsehen, wenn sie eine Person in einem Rollstuhl erblicken. Dieses Gesellschaftsbild ist antiquiert. Wenn wir über Integration diskutieren, können wir nicht im gleichen Atemzug vom Ausbau und Erhalt der Sonderschule sprechen. Eigentlich müssten wir dann auch eine institutionelle Trennung nach Leistungen, Fähigkeiten oder sonstigen Merkmalen in der Regelschule über Bord werfen.

Die Bestimmungen sind eindeutig

In gewisser Weise sind diese Vorhaben der Bundesregierung besonders interessant in Bezug auf die separaten Deutschklassen. Wenn eine verpflichtende Trennung bei Kindern mit Behinderungen schlicht gesetzwidrig ist, wäre theoretisch auch die verpflichtende, separate Deutschklasse anfechtbar. In Österreich bewegen sich die Sonderschulen in einer Art Grauzone. Kinder mit Behinderungen müssen NICHT in eine Sonderschule.

Richter-Hammer
Quelle: https://www.pexels.com/photo/close-up-court-courthouse-hammer-534204/ 28.12.2017

Das sei allen Eltern ausdrücklich gesagt. Das ist auch der Grund, warum die Sonderschulen bei uns noch immer existieren. Sie beruhen auf Freiwilligkeit. Jedes Kind hat ein Recht auf eine konventionelle Bildung mit allen Möglichkeiten. Dennoch wird vielen Eltern die Sonderschule als die „bessere“ Lösung eingeredet. Es besteht also keine Pflicht. Das würde ja bei den separaten Deutschklassen anders aussehen. Das aus zu judizieren wäre interessant …

Kommentar schreiben

Kommentare: 0