Brief an uns Eltern

Mutter mit Kind
Quelle: https://static.pexels.com/photos/129029/pexels-photo-129029.jpeg 21.07.2017

Eines gleich vorweg: Vermutlich ist das der persönlichste Beitrag auf dieser Seite. Als junge Eltern erleben meine Frau und ich viele zauberhafte Momente und unsere Tochter rückt die Wertigkeiten unserer Welt spielend leicht gerade. Für ihren Bildungsweg, ihre Erziehung und die Nutzung ihres Potenzials stelle ich mir dieselben Fragen, wie alle anderen Eltern. Welcher Bildungsweg entfaltet das persönliche Potenzial am besten und worauf muss ich als Elternteil besonders aufpassen? Fragen, in deren Antworten schnell Resignation und Verzweiflung mitschwingen können.

Es fängt früh an

Bereits bei der Geburt wird uns Eltern nahegelegt, uns möglichst schnell nach einem passenden Kindergarten umzusehen. Vermutlich möchte man einen bestimmten Schwerpunkt in der vorschulischen Bildung  setzen und der dafür passende Kindergarten hat möglicherweise lange Wartezeiten. Spätestens an diesem Punkt erhält man den Eindruck, dass die Planung der Kindererziehung eine militärisch organisierte Struktur erhält. Zu allen Fragen soll man sofort die passenden Antworten parat haben.

Von Berufswegen her beschäftige ich mich mit den pädagogischen Facetten verschiedener Entwicklungsphasen der SchülerInnen. Seit über zehn Jahren studiere ich verschiedene Konzepte und lerne mit Begeisterung von Systemen anderer Länder. Daraus entsteht zwangsläufig ein tiefer Frust mit dem österreichischen System. Genau dieser Frust findet seinen Höhepunkt in Diskussionsbeiträgen verschiedener ProtagonistInnen zur gerade verabschiedeten Schulautonomie. Man kommt dahinter, dass die notwendigen Reformen noch immer auf sich warten lassen.

Kreativität statt Faktenwissen

Kreativität
Quelle: https://static.pexels.com/photos/134/light-creative-abstract-colorful.jpg 21.07.2016

Kinder werden von einer unbeschreiblichen Neugier angetrieben. Sie greifen bereits sehr früh nach allem, was nicht niet- und nagelfest ist und „kosten“ ihre Umwelt, indem sie beinahe alles in den Mund nehmen. Kinderbücher, Lieder und Kindersendungen üben eine unglaubliche Faszination aus. So habe ich durch meine Tochter die erste TV-Revoluzzerin Pippi Langstrumpf für mich wiederentdeckt und die Erinnerungen an Disney’s König der Löwen aufgefrischt. Beiden Sendungen ist gemein, dass ihnen eine unbeschwerte Einfachheit innewohnt, die wir als Erwachsene in unserer verkomplizierten Welt nicht mehr wahrnehmen.

Im Schulsystem werden unsere Kinder darauf gedrillt, die Welt komplizierter zu sehen, als sie vielleicht ist. Ihre Neugier weicht oftmals den strukturierten Fängen unserer Lehrstoff-Vermittlung. Ich kenne kein Kind, das nicht mit einer unstillbaren Neugier und einer großen Vorfreude dem ersten Schultag entgegenblickt. Am Ende der Schulzeit ist die Gruppe der von Neugier angetriebenen SchülerInnen in der klaren Minderheit.

Wir hinken hinterher

Als gute Eltern möchten wir dieser Entwicklung zuvorkommen und mit den zur Verfügung stehenden Informationen die beste Bildung für unsere Kinder ermöglichen. Ankündigungen, politische Versprechen und abstrakte Konzepte helfen kurzfristig überhaupt nicht. Die Realität zwingt uns Eltern, mit den vorhandenen Möglichkeiten das Beste herauszuholen.

Ist das ideal? Nein. Mein persönlicher Frust entsteht durch das Wissen, wie es andernorts besser gemacht wird. Beispielsweise sind die skandinavischen Länder nicht deswegen so weit in den P.I.S.A.-Tests vorne, weil sie die Bildung digitalisieren. Sie führen die Liste guter Ergebnisse deswegen an, weil sie ständig nach Optimierungen suchen. Es ist die oberste Pflicht der Politik, den kommenden Generationen gute Voraussetzungen zu ermöglichen.

Beispielsweise war das kooperative und offene Lernen in Finnland längst implementiert, als bei uns die ersten Schritte hierzu unternommen wurden. Der SchülerInnen-zentrierte Ansatz der pädagogischen Interaktion ist bereits viele Jahre der vorherrschende Standard. Ein Kind zu lehren, worauf es selbst kommen kann, ist fast ein Verbrechen. Unter diesem Motto wird der Frontalunterricht nur dort eingesetzt, wo er absolut notwendig ist. Sonst wird auf den projektorientierten Unterricht gesetzt. Aber nicht bei uns. 

Das österreichische Korsett

Zaungitter
Quelle: https://pixabay.com/de/zaun-gatter-gitter-gitterstäbe-59601/ 21.06.2017

Die Pädagoginnen und Pädagogen werden jetzt zurecht monieren, dass das strikte, administrative Korsett Österreichs die Lehrkräfte in ihrer Kreativität einschränkt. Und genau das ist der Punkt. Als Eltern interessieren wir uns nicht für gesetzliche Vorgaben. Die Sicherung des politischen Einflusses ist vielleicht für die Parteien und die jeweiligen Landeshauptleute von Bedeutung. Für uns nicht. Wir interessieren uns für eine qualitativ hochwertige Bildung.

Finnland möchte die Schulfächer abschaffen, weil die fachliche Trennung das vernetzte Denken einschränkt. Man setzt auf themenorientierten Unterricht, der eine Kooperation mehrerer FachlehrerInnen in der Vorbereitung voraussetzt. Wer dann letztendlich in der Klasse steht, ist sekundär. Warum gibt es bei uns nicht ähnliche Überlegungen?

Initiativen als Ausdruck des Frusts

Wir Eltern sind schon länger frustriert. Jene, die sich mit dem Status Quo nicht zufrieden geben, suchen kreative Wege zur Veränderung. So entstehen Schulen mit einem aktiven Elternverband, der stetig Druck ausübt. Es werden tolle Initiativen wie das DaVinciLab geboren. Unternehmen suchen vermehrt die direkte Kooperation mit den Schulstandorten, um ihren wertvollen Input zu liefern. Die Grundhaltung ist allen gemein: Es muss doch mehr geben, als wir in der Bildung kennen!

Aller Anfang ist schwer

Bis diese Initiativen systemisch umgesetzt werden, wird noch viel Wasser die Donau stromabwärts fließen. Durch viele Beteiligungen an EU-geförderten Bildungsprojekten und durch das Privileg, viele verschiedene Schulen in Europa besuchen zu dürfen, kenne ich die Möglichkeiten. In den wenigsten Fällen ist deren Umsetzung an Geldfragen gebunden. Das ist jene Ausrede, die gerne im Zusammenhang mit dem österreichischen Schulsystem kommt. Doch die pädagogische Veränderung ist keine Frage des Geldes. Sie steht und fällt mit der Kreativität der verantwortlichen Lehrkraft. Tische im Klassenzimmer umzustellen, kostet nichts. Ebenso den Fokus auf die themenorientierte Projektarbeit zu legen.

Kind liest Buch
Quelle: https://static.pexels.com/photos/256548/pexels-photo-256548.jpeg 21.06.2016

Die LehrerInnen sind dem Gesetze nach in der Wahl ihrer Unterrichtsmittel weitestgehend frei. Als Elternteil wünscht man sich daher, dass das eigene Kind von einer innovativen Lehrkraft unterrichtet wird. Doch vorher wissen können wir das leider nicht. Wir können uns nur umhören, pädagogische Richtungsentscheidungen treffen und hoffen, dass wir unsere Überlegungen zugunsten unserer Kinder umgesetzt haben. Vielleicht wacht die österreichische Innenpolitik eines Tages auf und erkennt, dass die Bildung und Ausbildung der zukünftigen Generationen oberste Priorität haben sollte.

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